Chartanalyse untersucht historische Kursverläufe und gegebenenfalls Handelsvolumen. Sie hilft, Beobachtungen wie Trend, Spanne oder Ausbruch in nachvollziehbare Regeln zu übersetzen. Eine Linie oder ein Muster im Chart ist jedoch keine sichere Vorhersage und noch keine vollständige Handelsstrategie.
Der erste Schritt ist deshalb, die Darstellung zu verstehen: Welcher Preis wird gezeigt, welchen Zeitraum fasst ein Balken zusammen und welche Information fehlt?
Ein Chart ist eine Darstellung von Preisdaten
Auf der waagerechten x-Achse steht normalerweise die Zeit, auf der senkrechten y-Achse der Preis. Ein Linienchart verbindet häufig Schlusskurse. Ein Balken- oder Kerzenchart enthält zusätzlich Eröffnung, Hoch und Tief einer Periode.
Ein gewöhnlicher Kurschart ist keine vollständige grafische Abbildung des Orderbuchs. Er zeigt nicht automatisch alle wartenden Kauf- und Verkaufsaufträge oder die dort verfügbaren Mengen. Ebenso hängt es vom Datenfeed ab, ob letzte Transaktionspreise, Geldkurse oder andere Preisarten dargestellt werden. Die MetaTrader-Dokumentation zu Preisdaten erläutert diese Unterschiede für die Plattform.
Bei einem CFD können die Kurse vom zugrunde liegenden Börseninstrument abweichen. Analysierst du einen anderen Feed als den, über den du handelst, musst du wissen, wie sich Signal und Orderpreis aufeinander beziehen.
Eine Kerze mit vier Zahlen lesen
Eine fiktive Stundenkerze enthält folgende Werte:
| Wert | Beispiel |
|---|---|
| Open: erster Preis der Periode | 100 € |
| High: höchster Preis | 105 € |
| Low: niedrigster Preis | 98 € |
| Close: letzter Preis | 103 € |
Der Kerzenkörper reicht von 100 bis 103 Euro. Seine Höhe beträgt drei Euro. Die obere Lunte reicht bis 105, die untere bis 98. Die gesamte Hoch-Tief-Spanne beträgt sieben Euro.
Bei einer üblichen Farbgebung wird ein Schlusskurs oberhalb des Eröffnungskurses grün dargestellt; Farben sind allerdings Einstellungen der Software. Die Kerze beweist nicht, dass zuerst das Tief und dann das Hoch erreicht wurde. Sowohl 100 → 98 → 105 → 103 als auch 100 → 105 → 98 → 103 liefern dieselben vier Werte.
Das ist für Tests entscheidend: Liegen Stop und Gewinnziel innerhalb derselben Kerze, verrät die Kerze allein nicht, welcher Auftrag zuerst ausgelöst worden wäre. Ein Test braucht feinere Daten oder eine ausdrücklich festgelegte konservative Annahme.
Zeiteinheiten und Darstellung wählen
M1 steht für eine Minute pro Kerze, M15 für 15 Minuten, H1 für eine Stunde und D1 für einen Tag. Ein Ein-Minuten-Chart und ein Tageschart betrachten denselben Markt auf verschiedenen Ebenen. Ein Rückgang auf der kleinen Ebene kann Teil einer größeren Aufwärtsbewegung sein.
Wähle eine Basiszeiteinheit passend zur geplanten Haltedauer und deiner Möglichkeit, Entscheidungen umzusetzen. „H1 ist immer der beste Anfängerchart“ lässt sich nicht allgemein behaupten. Wichtiger ist, dass Signal, Stop und Auswertung denselben definierten Regeln folgen.
Auch die Achsenskalierung verändert den Eindruck. Auf einer linearen Preisachse haben gleiche absolute Preisänderungen gleiche Abstände. Auf einer logarithmischen Achse erscheinen gleiche prozentuale Änderungen gleich groß. Für längere Zeiträume mit starken Preisänderungen kann diese Unterscheidung wesentlich sein.
Vier Analysebausteine
Trend: Steigende Hochs und Tiefs beschreiben eine mögliche Aufwärtsstruktur. Für einen reproduzierbaren Test braucht es eine Regel, welche Hochs und Tiefs zählen. Sieh dazu Trendfolge.
Unterstützung und Widerstand: Frühere Reaktionsbereiche werden als Zonen markiert, an denen neue Reaktionen untersucht werden. Sie sind keine Barrieren. Der Leitfaden zu Unterstützungen und Widerständen behandelt Rückläufe und Brüche.
Indikatoren: Durchschnitte, ATR oder RSI verdichten vorhandene Daten mathematisch. Sie können helfen, Begriffe messbar zu machen, führen aber keine unabhängigen Zukunftsinformationen ein. Die Indikatorenübersicht trennt Zweck und Grenzen.
Muster: Eine Formation beschreibt eine Abfolge von Preisen oder Kerzen. Ihre Benennung allein belegt keinen Vorteil. Für Chart- und Kerzenmuster müssen Bestätigung, Ungültigkeit und die tatsächlichen Kosten definiert werden.
Die CME-Einführung in technische Analyse gibt einen Überblick über solche Werkzeuge. Ihre Verbreitung ist kein Beweis, dass jede Anwendung profitabel ist.
Von einer Zeichnung zu einer überprüfbaren Idee
Eine fiktive Aktie reagiert mehrfach im Bereich 49 bis 50 Euro. Statt „Support hält“ zu behaupten, formulierst du zwei Szenarien: Ein definierter Rücklauf oberhalb der Zone erlaubt die Prüfung eines Long-Trades; ein Schlusskurs darunter macht diese Long-Idee zunächst ungültig.
Angenommen, ein Test liefert einen tatsächlichen Einstieg bei 51 Euro, einen anfänglichen Stop bei 48 Euro und ein Ziel bei 57 Euro. Für zehn Aktien ergeben sich vor Kosten 30 Euro geplantes Risiko und 60 Euro geplanter Kursgewinn. Bei sechs Euro separaten Gesamtgebühren werden daraus −36 beziehungsweise +54 Euro. Eine positive Form im Chart hat die Kosten nicht beseitigt.
Jetzt fehlen noch Handelszeit, Gültigkeitsfrist und die Behandlung eines schlechteren Einstiegspreises oder eines Gaps. Erst wenn diese Angaben feststehen, kann der Ansatz systematisch untersucht werden. Ein Tradingplan verhindert, dass die Regeln erst nach Sichtung des Ergebnisses entstehen.
Häufige Fehler in der Chartanalyse
Ein typischer Rückschaufehler entsteht, wenn du Linien nur so einzeichnest, dass sie zu den später sichtbaren Bewegungen passen. Speichere deshalb die Analyse vor dem nächsten Kursabschnitt und prüfe anschließend, was wirklich eingetroffen ist.
Ein zweites Problem sind unterschiedliche Datengrundlagen: Tageskerzen mit anderer Zeitzone, adjustierte Aktienkurse nach einem Split oder ein kontinuierlicher Futures-Chart mit Rollanpassung können andere Marken ergeben. Nicht jede Abweichung bedeutet, dass eine Plattform „falsche“ Daten liefert. Zuerst müssen Instrument und Berechnung übereinstimmen.
Ein dritter Fehler ist der Blick auf eine noch offene Kerze, als sei ihr Schluss bereits bestätigt. Ein scheinbares Signal kann bis zum Periodenende verschwinden. Definiere ausdrücklich, ob deine Regel laufende Preise oder abgeschlossene Kerzen verwendet.
Eine einfache Lernübung
Öffne einen Chart, notiere Instrument, Feed, Zeitzone und Zeiteinheit. Lies die vier Werte einer abgeschlossenen Kerze ab. Markiere nur eine plausible Zone und formuliere zwei mögliche Entwicklungen, einschließlich der ungünstigen. Ergänze eine fiktive Größen- und Kostenrechnung, bevor du den nächsten Kursabschnitt ansiehst.
Halte die Beobachtung im Journal fest. Unser eigenes Buch „Der Trading-Code“ verbindet Chart- und Fundamentalanalyse mit den Grundlagen der Orderausführung und des Risikomanagements.
Neu bearbeitet am 26. September 2026. Eigene fiktive Beispiele; keine aktuelle Marktanalyse oder Gewinnzusage.