Turtle Trading ist ein regelbasierter Trendfolgeansatz. Wer ihn auf CFDs oder kurze Zeiteinheiten überträgt, verändert jedoch zentrale Bedingungen. Ein 20-Kerzen-Ausbruch im Fünf-Minuten-Chart ist nicht dieselbe Strategie wie ein Ausbruch über das Hoch der letzten 20 Handelstage.
Dieser Artikel trennt die dokumentierten Originalregeln von einer eigenen, vereinfachten CFD-Lernaufgabe. Diese Aufgabe ist weder eine geprüfte profitable Strategie noch die Wiedergabe einer bestimmten Regelvariante aus „Der Trading-Code“. Ihr Zweck ist, die nötigen Entscheidungen und ihre Folgen sichtbar zu machen.
Die Originalregeln in kurzer Form
Die von Curtis Faith veröffentlichten „Original Turtle Trading Rules“ beschreiben unter anderem:
- Futures auf mehrere Märkte statt eines einzelnen Index-CFDs.
- System 1 mit Ausbrüchen über die vorherigen 20 Handelstage; dazu eine Filterregel und ein 55-Tage-Ersatzeinstieg.
- System 2 mit 55-Tage-Ausbrüchen.
- Größenanpassung anhand des Volatilitätsmaßes N, außerdem Stops, Aufstockungen und Positionsgrenzen.
- Für System 1 gegengerichtete 10-Tage-Ausbrüche als Ausstieg, für System 2 20-Tage-Ausbrüche.
Die Einstiege erfolgten beim Überschreiten der jeweiligen Schwelle, nicht erst nach dem Tagesschluss. Diese Punkte sind eine Orientierung, kein vollständiges Regelwerk. Einzelheiten stehen im Originaldokument von Curtis Faith, hier als PDF gespiegelt, besonders in den Abschnitten „Position Sizing“, „Entries“, „Stops“ und „Exits“.
Was sich bei einem CFD verändert
| Entscheidung | Bei einer CFD-Anpassung ausdrücklich festlegen |
|---|---|
| Instrument | Welcher konkrete Brokerkontrakt, welcher Referenzmarkt, Punktwert und Mindestumfang? |
| Daten | Welche Kursquelle und Kursseite bestimmen Hoch/Tief und Auslöser? |
| Zeit | Tagesdaten oder Intraday-Kerzen; welche Session und Zeitzone? |
| Einstieg | Berührung, Überschreitung oder Schlusskurs; welche tatsächliche Order? |
| Größe | Gewähltes Geldrisiko, Stopabstand, zulässige Stückelung und Margin |
| Ausstieg | Welche Stop-/Trendregel; gibt es einen festen Tagesend-Ausstieg? |
| Aufstockung | Erlaubt oder ausgeschlossen; wie groß wird das gemeinsame Risiko? |
| Kosten | Spread, separate Gebühren, mögliche Finanzierung und Ausführung |
Diese Entscheidungen sind keine Nebensachen. Eine Schließung zum Tagesende beendet die Chance, einen mehrtägigen Trend mit derselben Position zu verfolgen. Ein einzelner Index liefert einen anderen Beobachtungsraum als mehrere Märkte. Ein engerer Intraday-Stop macht Kosten und Ausführungsabweichungen im Verhältnis zum geplanten Kursrisiko wichtiger.
„Turtle-inspiriert“ ist deshalb die ehrliche Bezeichnung für eine veränderte Lernvariante. Historische Ergebnisse eines anderen Systems belegen ihre Wirksamkeit nicht.
20 Kerzen sind nicht automatisch 20 Tage
Zwanzig lückenlos aufeinanderfolgende Fünf-Minuten-Kerzen decken 100 Minuten ab. Zwanzig Tageskerzen bilden einen deutlich längeren Zeitraum ab. Auch innerhalb derselben Zeiteinheit können Handelsunterbrechungen und die gewählte Session den betrachteten Zeitraum verändern.
Für eine aus vorherigen Kerzen berechnete Ausbruchsschwelle darfst du den späteren Verlauf nicht vorwegnehmen. Definiere beispielsweise, dass nur bereits abgeschlossene Kerzen den Kanal bilden. Entscheide dann getrennt, ob eine Überschreitung während der nächsten Kerze genügt oder erst deren Schluss zählt. Das sind unterschiedliche Testregeln.
Eine ausdrücklich erfundene CFD-Lernaufgabe
Wir betrachten nur einen hypothetischen Long-Versuch, keine vollständige Strategie und keine Empfehlung für einen aktuellen Markt. Die vor dem Versuch feststehende obere Schwelle liegt bei 20.000 Punkten. Für diese Aufgabe sei ein Einstieg bei 20.001 und ein Stop bei 19.961 vorgesehen. Wir nehmen zur einfachen Rechnung identische geplante und tatsächliche Ausführungspreise an.
Weitere Festlegungen: eine Position, keine Aufstockung, 0,5 Einheiten, ein Euro je Punkt und Einheit. Ein nicht bereits beendeter Versuch würde am Ende des gewählten Übungszeitfensters geschlossen; wir untersuchen hier jedoch einen früheren Stopfall. Den Zeitpunkt dieses Fensters würdest du für einen echten Test vorab exakt dokumentieren.
Der erfundene Preisweg steigt nach dem Einstieg zunächst auf 20.025 und fällt anschließend bis zum angenommenen Stop-Ausstieg von 19.961.
Der Kursverlust lautet (19.961 − 20.001) × 1 × 0,5 = −20 Euro. Bei angenommenen zwei Euro separaten Gebühren ergibt sich −22 Euro. Der vorübergehende Anstieg war noch kein realisierter Gewinn. Würde der Stop schlechter ausgeführt, veränderte sich das Ergebnis weiter.
Die Positionsgrößenrechnung erklärt, wie Größe und Abstand zusammenhängen. In der Kostenrechnung siehst du, warum Ausführungspreise und Gebühren getrennt erfasst werden müssen.
Was du vor einem Test aufschreibst
Nutze das Regel-Arbeitsblatt zum Ausfüllen und Drucken. Es verlangt nicht nur eine Indikatoreinstellung, sondern auch Datenquelle, Instrument, Zeiten, Auslöser, tatsächliche Ausführung, Stop, Ausstieg, Positionsgröße, Kosten und den Umgang mit Kurslücken. Die synthetischen Chartwerte als CSV machen unsere Illustration nachvollziehbar.
Prüfe insbesondere:
- Könnte eine andere Person mit denselben Daten dieselben Entscheidungen treffen?
- Werden Verluste, verpasste Einstiege und nicht ausführbare Mindestgrößen ebenfalls erfasst?
- Verwendet die Ausführung nur Informationen, die zu diesem Zeitpunkt bekannt waren?
- Bleiben Regeln und Kostenannahmen für die gesamte untersuchte Stichprobe gleich?
- Wird eine spätere, zuvor nicht zur Anpassung verwendete Datenperiode getrennt betrachtet?
Wenn du die Regeln nach jedem Verlust nachträglich anpasst, bewertest du nicht mehr dieselbe Methode. Ein einzelnes Gewinnbeispiel, eine kleine Trefferquote-Stichprobe oder ein besonders schöner Chart beweist keinen dauerhaften Vorteil. Auch ein sauberer Test bleibt an Daten und Annahmen gebunden.
Eignet sich Turtle Trading für Daytrading?
Du kannst Elemente wie feste Regeln, Ausbruchslogik und risikobezogene Größenplanung in einer Intraday-Hypothese untersuchen. Damit ist aber weder ihre Eignung für dich noch ihre Profitabilität bewiesen. Gerade der Wechsel von Tagesdaten zu kurzen Kerzen und die verpflichtende Schließung am selben Tag verändern die ursprüngliche Idee erheblich.
Für den Einstieg hilft es, erst einen vollständigen Trade und die Margin-/Risikorechnung zu verstehen. Die Übersicht zu Daytrading-Strategien ordnet weitere Ansätze ein.
Vom Einzelthema zum Lernweg
Vertiefe die beiden Bausteine getrennt: Die ATR-Anleitung zeigt True Range und Größenrechnung; die Donchian-Lernübung trennt Signalkerze, Einstieg und Verlustfall.
Wenn du systematisches Trading Schritt für Schritt lernen möchtest, findest du auf der Buchseite zu „Der Trading-Code“ den beschriebenen Inhalt und die verfügbaren Ausgaben. Die Beispielregeln dieses Artikels sind eine eigenständige Lernübung; sie belegen keine bestimmten Buch- oder Signal-Ergebnisse.